Die Berg-en-Dal Community

Am Dienstag fuhr ich also mit Tahir nach Ladismith. Wir verliessen Oudeberg um 5 Uhr morgens. Ich war unendlich müde auf der Fahrt, doch Tahir erzaehlte mir durchgehend irgendwas und hielt mich damit wach. Aliya war auch dabei, sie lieferten wir in Ladismith bei ihren Grosseltern ab, wo wir auch ein kleines Fruehstueck erhielten. Dann ging es los.

Wir fuhren auf die Farm. Mir fiel sofort auf, wie wunderschoen es hier war. Die Berge waren etwas hoeher und massiver, die Landschaft dichter bewachsen und das ganze Grundstueck lag auch an keiner Strasse, was die Lage noch viel ruhiger machte. Ich konnte mir sofort vorstellen, dass Tahir seine juengeren Jahre hier verbracht hatte - als er noch mehr ein Hippie-Dasein fuehrte und noch weniger auf kommerzielles Farming aus war.

Ich hatte aber gar keine Zeit, das Ganze auf mich wirken zu lassen. Wir hielten nur kurz, um meine Sachen abzuladen und andere Community Mitglieder abzuholen. Dann ging es sofort hoch zum Bohrloch, wo wir den ganzen Tag hart in der Hitze schufteten, um die Pumpe zu installieren. Um 9 Uhr morgens fingen wir an und um 4 Uhr nachmittags hatten wir die Pumpe ins Loch hinunter gelassen, verkabelt, Solarzellen aufgestellt und angeschlossen, das Rohr angeschlossen und auch mit allen Tanks verbunden. Wir hatten alles enorm schnell und effektiv erledigt.

Als alles getan war, verabschiedete sich Tahir und fuhr ab. Ich blieb allein mit Mzu zurueck, der aktuell auf das Grundstueck von Tahir und Larissa aufpasst.

Zur Situation:

Bevor ich naeher auf meine Zeit in Berg en Dal eingehe, moechte ich erst ein paar Worte zum Projekt allgemein los werden. Wie schon gesagt, handelt es sich dabei um das alte Projekt von Tahir, in dem er 12 Jahre seines Lebens verbracht hat. Es handelt sich um eine Community-Farm, die urspruenglich sogar ein Eco-Village werden sollte. Das stellte sich dann aber doch schnell als recht utopisch heraus. Am Anfang lief alles gut und die Mitglieder der Community bauten eine bluehende Permakultur auf. Dann begannen die Probleme: Mit Nachbarn, mit dem Wasser, mit Behoerden, mit Geld, und zu guter Letzt auch zwischen den Mitgliedern. Das hatte zur Folge, dass viele Mitglieder die Farm verliessen. Die Wenigen, die uebrig blieben, hatten in den letzten Jahren hart zu kaempfen. Um genau zu sein, ist eigentlich nur noch eine Person konstant da, und das ist Neil. Er kuemmert sich mehr schlecht als recht um alles Noetige, aber man merkt, dass seine Motivation schon lange nicht mehr auf ihrem Hoehepunkt ist. Alle anderen Mitglieder sind entweder sehr viel unterwegs, um irgendwie ihren Lebensunterhalt und die Farmkosten zu verdienen, oder sie nutzen ihren Farm-Grund grundsaetzlich nur noch als Ferien-Wohnsitz. Man koennte also sagen, die Community existiert eigentlich nicht mehr.

Tahir hat nun einen anderen Weg gewaehlt: Er hat beschlossen, Platz fuer neue Menschen zu machen, weil er sich selbst nicht mehr um das Projekt kuemmern kann. Die neuen Menschen sind Jordan und Mzu. Jordan ist momentan bei ihm in Ausbildung, Mzu ist schon etwas erfahrener in Permakultur, wohnt daher schon in Berg en Dal und kuemmert sich um alles. Die beiden werden ab Maerz das Grundstueck uebernehmen und haben dann ein Jahr Zeit, um sich zu beweisen, bevor das Grundstueck vollkommen an sie ueberschrieben wird. Jordan und Mzu haben grosse Plaene und hoffentlich auch die noetige Energie und Durchsetzungskraft, um wieder Schwung in die Community zu bringen. Man wird sehen...

Meine Zeit auf der Farm

Meine Zeit auf der Berg en Dal Farm verlief alles in allem recht gemuetlich. Ich wohnte also mit Mzu zusammen. Zwar hatte ich meine eigene kleine Huette als Schlafzimmer und auch eine eigene Dusche, aber die Kueche und den Aufenthaltsraum teilten wir. Richtig privaten, eigenen Platz hatte ich nicht wirklich – wir lebten sozusagen zusammen wie in einer WG.

Mzu ist ein Ex-Rasta, durch dessen Adern immernoch viel Rasta-Blut fliesst. Genauer gesagt ist er also ein sehr, sehr entspannter, gemuetlicher Typ, sehr naturverbunden und seine Lieblingsmusik ist Reggae. Mzu ist 38 Jahre alt, hat zwei Kinder, die bei seiner Mutter leben, weil seine Frau vor einigen Jahren gestorben ist. Er hat es also nicht leicht, denn irgendwie muss er sich und seine Soehne ernaehren, waehrend er auf der Berg en Dal Farm so gut wie keine Moeglichkeit hat, Geld zu verdienen.
Und dann gab es sozusagen noch einen dritten Mitbewohner, Aran, ein anderer Volunteer. Er hing die meiste Zeit bei uns ab, da sonst auf der Farm nicht viel los war und er unsere Gesellschaft genoss. Aran ist 23 Jahre alt und gerade dabei, die Welt kennenzulernen und alles zu hinterfragen. Mit ihm konnte man kaum andere Diskussionen als ueber grundsaetzliche, tiefgreifende Themen fuehren.

In der ersten Woche war ich voller Elan. Wir arbeiteten jeden Tag von morgens bis abends. Hier gab es keine festen Arbeitszeiten – jeder arbeitete mehr oder weniger, wann es ihm passte. Daher habe ich letztendlich in Zeit gerechnet wohl mehr gearbeitet, als auf der Oudeberg Farm. Allerdings verlief alles viel entspannter, weshalb es mir gefühlt wie weniger Arbeit vorkam. In den ersten Tagen gab es noch einiges am Bohrloch zu tun. Meist fuhr ich dazu mit Neil zusammen hoch. Das war immer lustig und entspannt und trotzdem ging es vom Fleck. Bei unseren Fahrten zum Bohrloch besuchten wir auch immer die Nachbarn, Georgie und Rolf, die alte Freunde der Farm sind und immer fuer einen Kaffee und ein Schwaetzchen zu haben sind. Ich liebte die Besuche bei ihnen – die beiden lebten auf einer Paradies-Farm und waren wahnsinnig herzlich und gastfreundlich.

Ansonsten nahm Mzu mit Aran und mir erstmal den Garten in Angriff. Dieser war halb verwildert und unsere Arbeit bestand hauptsaechlich darin, die Beete dick zu mulchen, die Baeume und Buesche zurueckzuschneiden und das Bewaesserungssystem wieder auf Vordermann zu bringen. Parallell dazu arbeiteten wir auch in Neils Nursery, wo wir Gemuese und andere Pflanzen fuer den Winter saeten und anzogen. Und dann gab es noch das Gemeinschaftshaus, in dem jedes Mitglied der Community mindestens 5 Stunden pro Woche arbeiten muss. Auch dort sind die Gaerten verwildert und wir begannen, diese ebenfalls wieder fit zu machen, was Buesche und Baeume trimmen, Swales nachformen und Stein-Arbeiten beinhaltete.

In der ersten Woche arbeiteten wir voll motiviert und das Bild um uns herum verwandelte sich in rasendem Tempo. Wir brachten die Formen und Strukturen des ehemaligen Paradieses wieder ans Tageslicht und jeden Tag konnten wir unseren Fortschritt bewundern. Es machte richtig Spass, hier zu arbeiten. Und ich lernte auch einiges von Mzu. Er konnte mir zwar die meisten meiner Fragen nicht beantworten – er hat nicht unbedingt ein sehr breites theoretisches Wissen – aber er hat enorm viel Erfahrung, die er an mich weiter geben konnte. Ich lernte also grundsaetzliche Dinge, wie zum Beispiel die Strukturen eines Gartens und wie man einen solchen anpackt. Oder wie man mit Steinen arbeitet und wie und wann man Pflanzen anzieht. Ich habe hier also ein gewisses Gefuehl fuer einen Permakultur-Garten entwickelt und lernte auch, mich selbst zu organisieren und meine eigenen Wege zu gehen.

In der zweiten Woche veraenderte sich die Situation dann leider langsam. Zum Beispiel arbeitete ich nicht mehr mit Neil zusammen, was in gewisser Weise ein Ausgleich zu Mzu und Aran fuer mich war. Die beiden konnten naemlich manchmal sehr anstrengend sein. Es gab einige interne Farm-Probleme: Das Bohrloch mit dem Wasser fuer Berg en Dal liegt naemlich auf der Nachbarfarm, die Georgie, Rolf, Larissa und Tahir gehoert. Und diese Farm soll jetzt verkauft werden, was die Wasser-Situation fuer Berg en Dal äußerst unsicher macht. Und das macht wiederum Mzus Position im Projekt und damit in seinem Leben sehr unsicher. Ich merkte richtig, wie das auf ihm lastete. Er war viel weniger motiviert und es kam gelegentlich zu Reibereien zwischen uns. Ich selbst vermisste etwas meinen Freiraum, weil ich nicht wirklich einen Ort hatte, an dem ich fuer mich sein konnte. Und konstant mit Mzus Sorgen und Arans Grundsatzdiskussionen konfrontiert zu sein, wurde mir manchmal einfach ein bisschen zu viel. Daher war auch bei mir irgendwann die Luft raus und meine Arbeitsmoral sank. Als ich dies bemerkte, beschloss ich, Berg en Dal wieder zu verlassen. Ich war etwas mehr als zwei Wochen dort gewesen und hatte ziemlich gut geholfen. Ich hatte gelernt, was ich lernen konnte und konnte hier nun nichts mehr gross tun.

De Kloof

Eine Sache darf in meinem Berg en Dal Bericht allerdings nicht fehlen: das waren unsere Wochenend-Ausfluege in "de kloof", eine Schlucht in den Bergen. Die Farm selbst ist Wueste, nur mit duerrem Gestruepp und vielen Dornen bewachsen (jaa, die Dornen, das war noch eine ganz andere Geschichte – davon hab ich mir taeglich einige eingezogen und manche davon haben sich auch fuer ein paar Tage entzuendet. Das gehoert hier zum Alltag...). Wenn man allerdings zum Fuss der Berge geht, so findet man dort einige Schluchten, in denen Fluesse vom Berg herabfliessen und in denen man weit, weit hinaufwandern kann, bis man die Berge erreicht. Und eine dieser Schluchten lag nicht weit von der Farm entfernt.

Bei unserem ersten Besuch kamen wir erst recht spaet los, bewegten uns in der Hitze des Tages und kamen nur langsam vom Fleck. Mzu, Aran und ich waren zusammen unterwegs, wobei allerdings Mzu und Aran meist ein Stueck vorausgingen und ich alleine hinterher huepfte. Ich genoss es, alleine in diesem Paradies unterwegs zu sein. Denn das ist es wirklich – ein Paradies. Wenn man die Schlucht betritt, kann man sich nicht mehr vorstellen, dass ausserhalb die Wueste beginnt. Hier ist alles gruen und es pumpt nur so vor Leben. Ich denke, dass nicht viele Leute hierher kommen, denn man sieht kaum Muell oder andere Spuren jeglicher Zivilisation. Das Wasser im Fluss ist kristallklar. Es gibt entlang des Weges einige Becken, die sicherlich einige Meter tief sind und in denen man schwimmen kann. Und man sieht dort alles glasklar bis auf den Grund, nur ein leichter tuerkiser Schimmer liegt ueber den Steinen am Grund. Ich denke, ich habe selten so klares Wasser gesehen. Es schmeckt himmlisch und hat die perfekte Badetemperatur. Es ist der Wahnsinn, wirklich.
Beim ersten Mal in der Kloof waren wir also nur langsam unterwegs. Wir erreichten den ersten Pool erst mittags und kamen nur bis zum Dritten, an dem wir einige Zeit ausruhten. Mzu und Aran hielten ein Nickerchen, waehrend ich badete und meine Fuesse im Wasser baumeln liess, wo kleine Fische an meiner Haut herumknabberten. Irgendwann wurde ich aber nervoes, weil dicke Regenwolken ueber uns hinwegzogen. Mit der Fluterfahrung von der Oudeberg Farm war mir klar, dass wenn es oben auf dem Berg regnet, das Wasser unten als Flutwelle ankommen kann, die uns hier in der Schlucht sicher einfach wegreissen koennte. Das ist also gar nicht so ungefaehrlich, daher machten wir uns auch schnell wieder auf den Rueckweg. Als wir aus der Schlucht herauskamen, schien es, als ob es hinter uns tatsächlich zu regnen begann. Wir machten noch einen kleinen Abstecher zu Georgie und Rolf und kamen anschliessend erst nach Anbruch der Dunkelheit wieder zuhause an.

Ich war so begeistert von der Kloof gewesen, dass ich unbedingt nochmal dort hin wollte. Und so machten Mzu und ich noch einen Ausflug, am Tag vor meiner Abreise. Dieses Mal starteten wir frueh am Morgen, denn wir wollten weiter hinauf kommen. Wir marschierten um halb sechs Uhr morgens in der Dunkelheit los und kamen schnell vorwaerts. Schon vor 9 Uhr morgens erreichten wir den dritten Pool, der beim letzten Mal unser Ziel gewesen war. Wir waren voller Energie und Motivation, so weit wie moeglich zu kommen. Und wir rannten foermlich die Schlucht hinauf, huepften und kletterten von Stein zu Stein. Der Weg wurde immer herausfordernder und spassiger und die Felswaende links und rechts wurden niedriger, sodass wir merkten, dass wir immer hoeher kamen. Auch die Vegetation um uns herum wurde dichter, bis wir uns fast schon fuehlten, als waeren wir im Dschungel unterwegs. Wir kamen an insgesammt 6 Pools vorbei, ich huepfte immer mal wieder ins Wasser. Dann kamen wir an einen Wasserfall, an dem wir unsere erste, richtige Pause machten, dort duschten und uns in die Sonne legten. Dann gingen wir aber noch weiter hoch. Ziemlich genau mittags erreichten wir dann unser Ziel. Wir hatten vorher nicht genau gewusst, was dieses sein wuerde, aber als wir dort ankamen, waren wir uns einig: die Schlucht oeffnete sich etwas und wir hatten das Gefuehl, nun endgueltig das Portal in die Berge erreicht zu haben. Wir standen im Dschungel und der Gipfel tuermte sich majestaetisch vor uns auf. Um uns herum rauschte das Wasser, Voegel zwitscherten, Instekten summten und der Berg grollte und vibrierte. Es war wild, unglaublich wild, und ich fuehlte die unglaublich maechtige Energie der Natur um mich herum. Ich fuehlte mich ausgeliefert und sicher zugleich. Ich fuehlte mich wie Pokahontas. Es war der Wahnsinn.
Auch hier machten wir eine lange Pause und genossen einfach nur die Wildnis um uns herum. Weil wir aber sieben Stunden lang fast ununterbrochen gewandert waren, konnten wir unsere Pause nicht zu lange ausdehnen, denn wir mussten es ja auch wieder zurueck schaffen. Kurzzeitig hatte ich tatsaechlich Sorge, dass wir es nicht schaffen wuerden. Ich hatte mir in meinen rechten Fuss einen Dorn eingetreten, ausserdem war er geschwollen und schmerzte. Ich konnte also nur noch mehr schlecht als recht gehen und humpelte erbaermlich zurueck. Doch trotz allem schafften wir es rechtzeitig vor Sonnenuntergang aus der Schlucht heraus. Als wir zuhause ankamen, war ich total erschoepft. Aran hatte gekocht und so assen wir noch Pfannkuchen, doch dann ging ich schnurstraks ins Bett.

Am naechsten Tag verliess ich Berg en Dal. Ich habe beschlossen, nun nach sechs Wochen Arbeit erstmal eine Pause einzulegen. Ich hatte Blut geleckt und bin nun ganz wild darauf, mehr von Suedafrikas wilder Natur zu entdecken. Daher ist mein naechstes Ziel die Wild Coast im Eastern Cape.