Die erste Zeit in Kapstadt

Ich muss gestehen, ich bin ein bisschen ins Blaue geflogen. Ich hatte mich zuvor auf einer Seite angemeldet, ueber die man in Projekte vermittelt wird, in denen man fuer Kost und Logis arbeitet. Ich hatte dort auch einige Permakultur Projekte gesehen, jedoch ohne beurteilen zu koennen, wie gut diese wirklich sind. Und das war alles, was ich als Sicherheit fuer mein Vorhaben hatte.

Kurz bevor ich flog, kamen auf einmal noch ein ganzer Haufen Probleme auf. Wuerde ich ein Visum fuer die ganze Zeit meines Aufenthalts bekommen? Wie sollte ich mich versichern? Wuerde ich noch eine Kreditkarte bekommen? Zum Glueck konnte ich all diese Fragen noch halbwegs soweit loesen, dass ich nach Suedafrika fliegen konnte. Ich habe in Kapstadt eine Bekannte, Juli, die ich ueber meinen Mitbewohner in Innsbruck kannte. Wir hatten uns davor nicht oft gesehen und kannten uns nicht besonders gut, aber sie war meine Rettung in der Not. Sie half mir, kurz vor dem Flug all meine Probleme zu loesen, sie holte mich vom Flughafen ab und ich konnte die ersten Tage bei ihr wohnen.

Juli wohnt in Muizenberg, ein Stueck ausserhalb der Innenstadt am Meer. Am ersten Tag sassen wir einfach nur lange am Strand, quatschten miteinander und gingen baden. Am zweiten Tag gingen wir zusammen mit einer Freundin von ihr klettern. Die Tage darauf musste Juli arbeiten und so war ich etwas mehr mir selbst ueberlassen. Ich muss zugeben, das war nicht ganz so easy, wie ich es mit vorgestellt hatte. Ich war allein in dieser neuen Stadt. Unterschiedlichste Leute hatten mir erklaert, was hier alles gefaehrlich ist und was ich nicht tun sollte, wie z.B. durch spezielle Viertel laufen, Zug fahren usw... Und so traute ich mich am Anfang kaum aus dem Haus. Ich kam mir schon sehr hilflos und fremd vor. Dazu kam, dass mein Gepaeck auf dem Flug in Kairo haengen geblieben war, und so hatte ich nicht einmal meine Sachen, was auch noch zu meiner Misere beitrug.

Die ersten Tage brachte ich also hauptsaechlich damit zu, viel zu lesen und einige Visums-Angelegenheiten zu regeln (was mich uebrigens sehr viel Zeit kostete, das ist hier furchtbar kompliziert...).

Nach einigen Tagen fuhr ich dann in die Stadt zu meinem Freund Bob. Bob kenne ich noch aus Asien, ich war damals einige Tage lang mit ihm unterwegs in Thailand und hatte ihn auch spaeter nochmal in Kuala Lumpur getroffen. Bob wohnt in Kapstadt, daher musste ich ihn natuerlich besuchen. Juli brachte mich in die Stadt und ich war noch ein bisschen alleine im Zentrum unterwegs, bis Bob nach Hause kam. Die Menschen, die ich dort traf, waren alle sehr nett und das gab mir etwas Selbstbewusstsein zurueck. Ich kam abends, gleichzeitig mit meinem Gepaeck, an. Bob hatte auch noch einen anderen Freund zu Besuch und da er am naechsten Tag arbeiten musste, verbrachte ich einen typischen Touri-Tag mit seinem Freund in Kapstadt, und so sah ich auch mal ein bisschen was von der Stadt. Bob motivierte mich auch, nicht ganz so vorsichtig sein zu muessen, und so fuhr ich am naechsten Tag dann mit dem Zug zu Juli zurueck nach Muizenberg - und das war auch absolut kein Problem.

Ab meinem Besuch bei Bob hatte ich also meine anfaengliche Scheu vor all dem Neuen ueberwunden und konnte endlich beginnen, richtig anzukommen.

Die nächsten Tage kosteten mich noch viele weitere Stunden in meinen Bemühungen um eine Visums-Verlängerung. Ich musste dazu auch öfters in die Stadt fahren, was ich nun ganz beherzt per Zug erledigte. Ansonsten war ich viel in Muizenberg unterwegs und verbrachte Zeit mit Juli und ihren Mitbewohnern. 

An einem Tag fuhr ich in die Stadt, um mir das erste mögliche Projekt anzusehen. Ich hatte nicht wirklich die Zeit, um schon mit Arbeiten zu beginnen, aber ich wollte auch nicht nichts tun - und so schien es mir eine gute Idee zu sein, mir zumindest mal einige Möglichkeiten anzusehen. Das Projekt heißt “soil for life“. Es handelt sich dabei um einen recht großen Gemüse-Garten, deren Haupteinnahmequelle Kompost ist. Sie sammeln die Reste der Märkte ein, kompostieren diese und verkaufen dann den fertigen Humus. Doch was das Projekt für mich eigentlich interessant macht, ist, dass einige Mitarbeiter dafür zuständig sind, regelmäßig in die Townships (so werden hier die Slums genannt) zu fahren und den Menschen dort beizubringen, wie sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eigenes Gemüse anbauen können. Es handelt sich also bei soil for life nicht direkt um eine Permakultur, aber sie achten immerhin auf ökologischen Anbau und versuchen so nachhaltig wie möglich zu agieren. Was mich hier besonders interessiert, sind die Ideen zum städtischen Gärtnern, da ich mir vorstellen könnte, später auch einmal in diese Richtung weiter zu gehen. Aber auch den sozialen Aspekt finde ich hoch interessant. 

Der Garten stellte sich als ein grünes Paradies heraus. Man sah, dass die Menschen hier mit Liebe am Werk sind. Ich wurde sofort herzlich empfangen, obwohl ich mich nicht einmal vorangemeldet hatte, und einer der Mitarbeiter führte mich durch den Garten. Ich war beeindruckt davon, was hier alles gemacht wurde. Ich fragte auch ein bisschen nach meinen Volunteering-Möglichkeiten, und es scheint, als ob mir dort alle Türen offen stehen. Nach meiner Führung bot mir der Mitarbeiter an, mich nach seiner Schicht mit zurück nach Muizenberg zu nehmen, und weil ich bis dahin nicht tatenlos rum sitzen wollte, erhielt ich gleich eine Aufgabe und durfte Pfenningbaum-Stecklinge machen. Das gab mir auch die Gelegenheit, mich noch weiter mit den anderen Menschen im Garten zu unterhalten. Alle waren wahnsinnig sympatisch. Ich hoffe sehr, dass ich nochmal dorthin zurück kommen werde. Für den Moment hat mir dieser Tag aber gleich ein gutes Gefühl für den Start gegeben.

Gleich in der zweiten Woche nach meiner Ankunft fand in der Nähe von Kapstadt ein Festival statt. Ich nahm das zur Gelegenheit, meine Ankunft zu feiern und dort hin zu gehen. Ea dauerte 5 Tage und lag mitten in wunderschöner Hügellandschaft. Juli wollte anfangs auch mitgehen, musste dann aber arbeiten, und so war ich auf mich allein gestellt. Vielleicht war das sogar ganz gut so, denn das war das erste Mal seit meiner Ankunft und ich hatte sehr das Bedürfnis  mal aus der Stadt raus zu kommen und ins Reisegefühl rein, und dafür war auf-mich-allein-gestellt-sein sehr wichtig. 

Ich fuhr mit einer Mitfahrgelegenheit hin, die ich über Facebook kennen gelernt hatte. Es waren drei Jungs aus dem Nachbar-Stadtteil und ich verstand mich gleich super mit ihnen. Daher schlug ich auch mein Camp bei ihnen auf, das aus meiner Hängematte hoch oben im Baum bestand. Ich liebte meinen Platz dort oben, denn dadurch konnte ich mich zwischendurch von den anderen Menschen abkapseln, wenn ich allein sein wollte. Mit uns zelteten noch zwei Portugiesinnen, ein Paar im Hippiebus, und ein paar andere verrückte Kauze. Ich verbrachte viel Zeit am Campingplatz, da es mit unseren Nachbarn immer sehr lustig und gemütlich war. Ansonsten war das Festival recht klein. Es gab nur 3 Stages, zwei mit Tanzmusik und eine zum chillen. Außerdem gab es einen Fluss mit kristallklarem Wasser, in dem man baden konnte. Die meiste Zeit verbrachte ich mit meinen neuen Freunden am Fluss oder an der gemütlichen Stage, und zwischendurch ging es dann ab und zu ab auf die Tanzfläche. Ich war auf diesem Festival nicht sehr nachtaktiv; ganz allgemein war ich dort sehr entspannt, da ich auch nicht das Gefühl hatte, alles aus diesen 5 Tagen raus holen zu müssen. 

Das Festival war ein wunderbarer Einstieg hier. Ich verfiel während meiner Zeit dort in die herrliche Zeitlosigkeit und Sorgenfreiheit solcher Veranstaltungen, knüpfte meine ersten lokalen Freundschaften und kam beschwingt und voller Energie und Zuversicht wieder zurück nach Kapstadt.